Weihnachten 1945





Es ist still in dem kleinen, niedrigen Kellerraum, nur eine schwache Glühbirne brennt. Der vordere Teil ist durch eine quer gespannte löchrige Wolldecke abgetrennt, im hinteren gibt es alle möglichen Sitzgelegenheiten: Hocker, Kisten, ausrangierte Stühle. Jetzt hört man Geräusche und schwaches Gemurmel. Die Eisentür des Luftschutzkellers dreht sich quietschend in ihren Angeln: müde Menschen schlurfen herein, suchen einen Platz und setzen sich hin. Sie reden nicht miteinander. Alle scheinen irgendwie alt, grau, erschöpft, unterernährt, in Decken gehüllt; sie hüsteln und räuspern sich. In ihren Gesichtern spiegeln sich Reste der Angst, der Kälte, der Resignation, des Hungers.

Langsam füllen sich die wenigen Reihen, es sind vielleicht 25-30 Personen. Jemand zündet eine Kerze an und löscht das trübe Licht. Undenkbar, die Menschen ganz im Dunkeln sitzen zu lassen, nach all dem Zittern, das sie in diesen lichtlosen, feuchten Verliesen während der Luftangriffe ausgestanden haben.

Aber dann zieht jemand den Vorhang zurück.

Die Menschen sitzen starr vor Staunen: auf der kleinen provisorischen Bühne, zum Greifen nah, gibt es ein lebendes Bild. Da sitzt ein braunlockiges, blühendes junges Mädchen in einem himmelblauen Umhang, sanft von Kerzen bestrahlt; in ihrem Schoß ein goldblondes Kind, in Lumpen gewickelt, daneben ein hoch  aufgeschossener Junge mit einer zottigen Decke über den eckigen Schultern, einem viel zu großen Schlapphut und einem groben Stock in der Hand.

Die Unbekümmertheit dieser Kinder scheint wie von einem anderen Stern. Nun treten andere, in irgendwelchen Nachthemden als Engel erkennbar, hinzu und fangen auf ein Zeichen an zu singen.

Sie stimmen die alten, uralten, zweihundert und mehr Jahre alten vierstimmigen Choräle und Madrigale an, schmettern sie unbekümmert und glasklar in diesen miefigen, trostlosen Raum, als hätte es keinen Krieg, keine Bomben und keinen Hunger gegeben, und verstummen irgendwann so plötzlich, wie sie begonnen haben.

Nun betritt ein älterer Herr die Bühne. Auf seinem Rücken hat er einen Höcker wie im Märchenbuch die Hexen, aber alle wissen, dass er die Güte in Person ist. Er sieht würdevoll aus, der Onkel, der uns alle aufgenommen hat, als unser Vater im Krieg starb, und wie seine eigenen Kinder groß zieht. Ruhig setzt er sich auf einen Stuhl, nimmt ein Buch zur Hand und fängt an zu lesen. Er liest langsam und macht viele Pausen und manchmal liest er gar nicht, sondern schaut ins Publikum und spricht so, als würden ihm diese feierlichen Worte in diesem Moment gerade einfallen. Es ist die Weihnachtsgeschichte, wie sie bei Lukas erzählt
wird:

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem
Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde. Und diese Schätzung war die allererste und
geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien
war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er aus dem Geschlechte Davids war, mit Maria, seinem vertrauten Weibe.
Die war schwanger…

Irgendwann ist die Geschichte zu Ende. Jeder, der hier
sitzt, kennt sie, viele können sie vielleicht auswendig, auch wenn hier niemand Kirchgänger ist außer der vertrockneten alten Hausbesitzerin, von der man meint, sie würde anfangen zu knistern, wenn man sie berührt. Die grauen und dunklen Köpfe haben sich beim Zuhören geneigt, als suchten sie in ihren Erinnerungen.

Stille.

Dann plötzlich wieder die strahlenden Stimmen der Kin-
der: IN DULCI JUBILO…o…o…. Sie stürzen über die Köpfe der Zuhörer wie eine Lichtorgel. Es gibt drei Strophen, als wollte dieses Glück nie aufhören, als wären die letzten sechs Jahre nur ein böser Traum gewesen.

Stille.

Nun erscheint meine Mutter, die all das heimlich mit den Kindern – in ihren Wintermänteln mit Mützen und Handschuhen und dicken Socken (soweit vorhanden) – in der Wohnung oben mit den leeren Fensterhöhlen und dem Eis im Innern des Flügels bei 15 Grad minus einstudiert hat. Sie liest eine der schönsten deutschen Balladen, von Conrad Ferdinand Meyer, über den Bruderzwist im Hause Habsburg. Sie heißt: DER GLEITENDE PURPUR.

Es ist Weihnachten, und der rebellische Bruder, der im Kampf vom rechtmäßigen König besiegt wurde, bittet den anderen öffentlich um Verzeihung. Vor dem gesamten Hof kniet er in der Kathedrale vor dem Bruder, abgerissen und zerlumpt, und erwartet sein Urteil. Die Glocken fangen an zu läuten und wollen nicht mehr aufhören. Da löst der König, der lange schweigend auf ihn geblickt hat, langsam eine Spange von seinem prächtigen Purpurmantel; der Mantel gleitet herab und umfließt die Gestalt des reuigen Aufrührers, hinter dem sich eine lange Schlange von Notleidenden aufgereiht hat, um – wie stets zu Weihnachten – beschenkt zu werden.
Sie sehen ungefähr aus wie unser Publikum im Keller.

Eia Weihnacht – eia Weihnacht…
UND DER ERSTE BETTLER STEHT BEKLEIDET……

Ein letztes Mal die jubelnden Kinderstimmen. Es ist, als hätten sich die Menschen in der Ballade mit denen hier im Keller vereinigt. Alle fallen mit ein….

WELT GING VERLOREN…
CHRIST IST GEBOREN

Es ist ihre eigene Geschichte, die hier verhandelt wird, so spüren sie bestürzt. Nichts hat sich wirklich geändert seit zweitausend oder tausend Jahren. Ihre Augen sind nass – worüber? Ihr Unglück… ihre Verluste… vielleicht auch ihre Schuld?
Da, mitten in die letzten Klänge ertönt ein verstörtes Stimmchen: das Jesuskind! Stoisch hat es die ganze Feier über im Schoß der Maria gelegen. Aber nun versteht es die Welt nicht mehr. Warum weinen plötzlich alle? Hat man ihm nicht erzählt, dass Weihnachten ein Tag ist, an dem sich alle freuen?

„Mutti!... Mutti… bitte Kuss!“

Der ganze Keller bricht in befreites Gelächter aus. Die Situation ist gerettet. Jetzt ist wirklich Weihnachten. Das Jesuskind bekommt seinen Kuss, es gibt irgendetwas Kärgliches zu essen, das die Erwachsenen zusammengetragen haben, niemand weiß, woher. Den Kindern schmeckt es herrlich. Blasser, fast farbloser Tee wird ausgeschenkt.
Allgemeines Gemurmel
Das Jesuskind war  i c h  -  damals drei Jahre alt.

Bis wir alle groß geworden waren, hat mein Onkel Günther, der wegen seiner Rachitis für kriegsuntauglich erklärt war, am Heiligen Abend die ganze Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Und auch wenn unsere Blicke später gierig die weiß verhüllten Geschenke abtasteten, während wir zuhörten, liebten wir doch alle seine sachliche und zugleich feierliche tiefe Stimme, die altmodischen Worte und diese wunderbare Erzählung,ohne die die abendländische Kultur nicht denkbar ist.

1 Kommentar:

Doerte Eriskat hat gesagt…

sehr schoene und beruehrende Geschichte,

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